Sansibar: Alte Handelswege

Die Küsten Ostafrikas prägte ein jahrhundertelanges, reges Handelstreiben: Einer der pulsierensten Waren-Umschlagplätze der frühen Globalisierung war die heute zur Republik Tansania gehörende Insel Sansibar. Schon vor mehreren tausend Jahren nutzten seefahrende Händler günstige und sich halbjährlich abwechselnde Brisen aus, um aus Arabien, Persien, Indien und gar China nach Sansibar und zurück zu segeln. Seide, Porzellan und Gewürze tauschten sie gegen Gold, Edelsteine, Ambra oder Elfenbein vom afrikanischen Kontinent.

Ab dem 7. Jahrhundert ließen sich erstmals Araber an der Ostküste Afrikas nieder, wobei Inseln als geschützte Standorte besonders gern zur neuen Heimat gemacht wurden. Auf Sansibar entstanden größere Siedlungen arabischer Sunniten. Sie verwurzelten den Islam und mischten sich mit Einheimischen wie auch schon zugezogene Handelsreisende anderer Ethnien vor ihnen. Ihre Nachfahren tragen heute zum bunten sansibarischen Völkergemisch aus Arabern, Indern und Afrikanern bei. Sansibars Bedeutung für den Handel über den indischen Ozean hinweg wuchs, sein Reichtum mehrte sich. Sein weithin sichtbar strahlender Wohlstand zog jedoch nicht nur Kaufleute an. 1505 überfiel die Kolonialmacht Portugal Sansibar und brachte die Insel brutal unter ihre Gewalt. Knapp 150 Jahre währte die portugiesische Herrschaft bis die Araber das Blatt der Geschichte gegen Portugal wendeten: Die Europäer wurden von der Flotte des Imams von Oman aus Sansibar vertrieben.

Sansibar blieb nicht länger lediglich ein Handelsposten. Der Sultan von Oman ließ auf der Insel Wälder roden und die ersten Gewürzplantagen anlegen. Die begehrten Agrar-Erzeugnisse hießen Nelke, Muskat, Vanille, Pfeffer, Zimt, Gelbwurz, Kardamom oder Ylang Ylang. Der sansibarische Handelsplatz florierte nun so, dass sich der Sultan sogar dazu veranlasst sah, die Insel zur Hauptstadt seines Reiches zu machen und selbst nach Sansibar zu ziehen.

Der Wohlstand der Insulaner beruhte jedoch weniger auf dem Verkauf von Gewürzen als vielmehr auf dem Verkauf von Menschen. Unter den Omanis wurde der auch schon vorher bestehende Sklavenhandel deutlich ausgeweitet, denn auf den sich ausbreitenden arabischen, persischen, indischen und sansibarischen Plantagen und in Haushalten wurden Arbeitskräfte gebraucht. Selbst nach Südamerika wurden von der Insel versklavte Menschen verschifft. Erkrankungen, Erschöpfung, Unterernährung, Nährstoffmangel, Verwundungen infolge von Schlägen oder Folter – der Verschleiss an „Arbeitsmenschen“ war enorm und das Verlangen nach neuen Sklaven riss nicht ab. Jahrhundertelang war Sansibar der bedeutendste Sklavenhandelsplatz der Welt. Verschleppt wurden afrikanische Festlandsbewohner: Auf Sansibar verkauften Stämme ihre Kriegsgefangenen und auch viele Opfer gezielter Raubzüge wurden in die Sklaverei gezwungen. Allein im 19. Jahrhunder sollen arabische Händler mehr als drei Millionen Afrikaner versklavt haben. Viele Sklaven wurden einer grausamen Prozedur unterzogen, um ihren Wert zu bestimmen: Auf dem Marktplatz von Stone Town stand eine Vorrichtung, an der die Menschen gefesselt und geschlagen wurden. Je länger ein Sklave der qualvollen Prozedur stand hielt, desto höher war der Preis, den die Käufer zahlten wollten. Am häufigsten endete das Martyrium der Unglücklichen irgendwo im Nahen Osten.