Die Länder am Horn sind anders

Im Osten hat der afrikanische Kontinent eine geografisch markante Stelle, das sogenannte Horn. Auf dieser Landmasse liegen Staaten, die auch im Hinblick auf Kultur und Politik besonders sind. Eritrea, Äthiopien, Dschibuti und Somalia sind sich untereinander trotz der vielen dort beheimateten Völker ähnlich, unterschieden sich aber abgesehen von den Küstenstreifen recht deutlich vom übrigen Ostafrika. Viele „Hornbewohner“ leben als nomadische Viehbauern, die ihre Herden Jahreszeiten und Niederschlägen folgend zu Weidegründen treiben. Sie teilen ähnliche Sorgen, wie die Ausbreitung der Sahara und die steigende Knappheit von Wasser und fruchtbarem Boden. Das Schrumpfen der natürlichen Ressourcen zwingt Ackerbauern und Viehhalter auf immer engeren Raum zusammen und sät Streitigkeiten zwischen ihnen. Auch politisch sind die klassischen Hornländer anders geprägt als das übrige Ostafrika: Es ist die Region mit der weltweit höchsten Konfliktdichte. Ihre Machthaber halten an undemokratischen Staatsgebilden fest, Gewalt und Repressionen gehören zum Alltag.

Kein Staat Somalia

In Somalia ist die Lage chaotisch, seit den 90er Jahren flammen immer wieder Bürgerkriege und gewalttätige Auseinandersetzungen auf. Von den schätzungsweise siebeneinhalb Millionen Somaliern sind innerhalb der Grenzen eineinhalb Millionen auf der Flucht. Hinzu kommen zahlreiche Menschen, die vor den unerträglichen Zuständen ins Ausland geflohen sind. Somalia gilt als gescheiterter Staat und zerfällt in einzelne Provinzen seit Clan-Milizen 1991 den bis dahin herrschenden Diktator Siad Barre vertrieben haben.

In den letzten Jahren gab es international anerkannte Übergangsregierungen, die allerdings nicht mehr tun konnten als die fortschreitende Parzellierung des Landes ohnmächtig zu bezeugen. Somalia zerbröckelt unter den Machtkämpfen unterschiedlicher Stammesgruppierungen. Wechselnden Interimspräsidenten ist es praktisch nicht gelungen, ihren Einflussbereich über einige Straßenzüge um den Regierungssitz in Mogadischu hinaus auszuweiten: Einige tausend von der Afrikanischen Union unterstützte Soldaten versuchen, Präsidentenpalast, Hafen und Flughafen gegen feindliche Milizen zu schützen. Bei Kampfhandlungen geraten zunehmend Zivilisten zwischen die Fronten. Im Jahr 2010 waren 40 Prozent der mehr als 6.000 in den Krankenhäusern des Roten Kreuzes und Roten Halbmondes in Mogadischu behandelten Kriegsverletzten Frauen und Kinder.

Die Teile des somalischen Puzzles werden weitgehend unabhängig von der Übergangsregierung verwaltet. Die Regionen Republik von Somaliland und Puntland im Norden sowie nahezu der gesamte Süden sind mittlerweile faktisch autonom. Das verschafft der ansässigen Bevölkerung trotz schlimmster Not auch Linderung: So sind die Zustände in Puntland stabil genug, um eine bessere Versorgung der Bewohner etwa durch Hilfsorganisationen zu ermöglichen. Die Hälfte der Bevölkerung ist auf humanitäre Hilfe angewiesen.

Auf der anderen Seite sind die Menschen in Somali der Willkür herrschender Clans einschließlich der täglichen Gefahr massiver Menschenrechtsverletzungen ausgeliefert. Somalier leben in Furcht vor drakonische Strafen, Terror und gezielten Tötungen. Stammeszwiste arten in Vergewaltigungen, Morde und Vertreibungen aus. Erschwerend kommt eine Krisenökonomie dazu, über die sich die Warlords und Kämpfer Geld beschaffen: Sie kassieren Wegezölle, schmuggeln Waren, überfallen Schiffe.

Die internationale Gemeinschaft hält sich beim somalischen Drama weitgehend zurück. Aktiver mischen sich lediglich die USA ein, die den Terrorismus aufhalten und die Piraten vor der somalischen Küste zurückdrängen wollen. Ob ihnen das gelingt, ist fraglich. So sorgten die Piraten erst im März 2010 für Aufsehen, als sie ein Schiff vor der Küste Indiens kaperten. Anscheinend konnten sie ihre Reichweite beachtlich ausdehnen. Unter den Piraten sind viele ehemalige Fischer, die wegen der Überfischung ihrer Fanggründe durch ausländische Trawler nicht mehr von ihrer Arbeit leben konnten. Der somalische Staat war zu schwach, um die nationalen Fischbestände besser zu schützen.