Zerrüttetes Haiti

Nach dem Ende der französichen Kolonialherrschaft galt Haiti als reichster Staat Lateinamerikas. Heute ist es ein Sorgenkind: Laut Human Development Index (HDI) ist Haiti das am wenigsten entwickelte Land der „Neuen Welt“. Politisch ist es (als einziges Land auf und am amerikanischen Doppelkontinent) unter den zwanzig Nationen, die die Rangliste der gescheiterten Staaten anführen („Failed States Index“).

Seit der Kolonialisierung besteht in ungleich verteilten Agrarflächen die Hauptursache dafür, dass es viele sehr arme und wenige sehr wohlhabende Haitianer gibt. Aber nicht nur bei den Besitzverhältnissen zeigt sich ein extremes Gefälle auf Haiti. Die meisten Haitianer sprechen Kreolisch und obwohl beinahe nur die kleine Oberschicht Französisch nutzt, steht es als Amtssprache neben dem Kreolischen. Zwar sollen beide Zungenschläge als solche gleichberechtigt sein, doch ist Französisch immer noch Verkehrs- und Schriftsprache. Mit dieser Barriere wird die Kluft bei der gesellschaftlichen Teilhabe zwischen der gehobenen Bevölkerungsgruppe und der breiten Masse noch vergrößert.

Lange Zeit zementierte die Politik die haitianischen Missstände. Anfang der 90er Jahre schien sich das Blatt von einer Diktatur zugunsten einer Demokratie zu wenden. Doch der gewählte Präsident Jean-Bertrand Aristide wurde unmittelbar nach der Wahl vom Militär aus dem Amt geputscht und floh ins Exil. Unter der Herrschaft des Militärs, die von der internationalen Gemeinschaft mit einem Handelsembargo quittiert wurde, verschlimmerte sich das Elend der Bevölkerung. Unter der Präsenz US-amerikanischer Streitkräfte fanden schließlich 1995 die ersten freien Wahlen statt, auf denen die Partei, der auch Aristide angehört, die meisten Stimmen errang. Aristide selbst konnte aufgrund der haitianischen Verfassung bei der damit verbundenen Präsidentschaftswahl noch nicht antreten, holte das aber im Jahr 2000 erfolgreich nach. Doch das Ergebnis kam überschattet von Vorwürfen des Wahlbetrugs zustande, die sich in den Monaten nach Aristides Amtsantritt zu gewalttätigen Auseinandersetzungen hochschaukelten. Es kam zu bürgerkriegsähnlichen Kämpfen bis die Vereinten Nationen 2004 Blauhelme ins Land schickten. Aristide trat zurück und floh erneut ins Ausland. Sieger der nächsten ordentlichen Präsidentschaftswahlen wurde René Préval, der Haiti schon einmal nach Aristides erster Flucht regiert hatte.

Die andauernde Misswirtschaft und unstabile politische Lage schlagen sich im Entwicklungsstand das Landes nieder: Weil zahlreiche erwachsene Haitianer nie eingeschult wurden, sind weniger als fünf Jahre Schulbildung der Landesdurchschnitt. Viele Haitianer haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser oder zum Gesundheitswesen. Krankheiten wie Typhus, Malaria und Tuberkulose waren schon vor dem verheerenden Erdbeben 2010 verbreitet. Die Lebenserwartung liegt in Haiti bei 61 Jahren.