Der zweite Indochinakrieg

Nach dem Abzug der Franzosen begannen die Machtstreitigkeiten in Vietnam. Sowohl die Vertreter der von Ho Chi Minh in Hanoi ausgerufenen Demokratischen Republik Vietnam als auch die Frankreich und dem Westen allgemein freundlich gesinnte Saigoner Regierung um den letzten vietnamesischen Kaiser Bao Dai beanspruchten die Führung im Land. Alles deutete auf einen drohenden Konflikt hin. Deswegen wurde auf der Indochinakonferenz 1954 im Genfer Abkommen nicht nur die Unabhängigkeit von Laos, Kambodscha und Vietnam festgeschrieben, sondern auch, dass Vietnam militärisch vorübergehend in einen Nord- und einen Südteil getrennt wird. 1956 sollte sich das Volk für die eine oder andere Regierung entscheiden und man setzte Wahlen an. Allen Beteiligten war klar, zu wessen Gunsten dieser Urnengang ausfallen würde: Ho Chi Minh galt als haushoher Favorit. Also brach das USA-gestützte Süd-Regime das Abkommen, verweigerte die anberaumten Wahlen und ernannte sich zur Regierung der Republik Vietnam.

Der Norden antwortete mit Attacken der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams" (NFL), besser bekannt als „Viet-Cong". Von einem Land wurde der Guerillakrieg besonders argwöhnisch beäugt: Die USA fürchteten, dass sich der Kommunismus nach Vietnam auch in den Nachbarländern ausbreiten würde („Dominotheorie"). In Südvietnam sahen die Amerikaner nun ein strategisch wichtiges „Bollwerk" gegen den Kommunismus, das es unbedingt zu halten galt. 1965 begannen sie mit Luftangriffen auf vermutete Stellungen und Lager der NFL. Zehn Jahre dauerte der zweite Indochinakrieg („Vietnam-Krieg"), in dem kaum fassbare Gräueltaten vor allem an Zivilisten begangen wurden. Schlagwörter sind der massive Abwurf von Napalm- und Splitterbomben, das exemplarische Massaker von My Lai, bei dem US-Soldaten 400 bis 500 harmlose Zivilisten niedermetzelten, sowie das hochgiftige, dioxinhaltige Entlaubungsmittel Agent Orange, von dem schätzungsweise 44 Millionen Liter versprüht wurden. Insgesamt haben US-Flugzeuge 7,5 Millionen Tonnen Bomben auf Indochina abgeworfen. Von der NFL wurde ebenfalls eine bis heute ungeklärte Zahl an Zivilisten massakriert, die nicht bereit waren, die Partisanen zu unterstützen. Nachdem der Süden im Anschluss an den Abzug der amerikanischen Truppen erobert wurde, gingen die Sieger rigoros gegen ihre Landsleute vor. Tausende wurden zur „Umerziehung" in Konzentrationslagern inhaftiert, in denen vermutlich Zehntausende starben. Zahlreiche Menschen versuchten, auf Booten zu fliehen („boat people").

Schon der Widerstand gegen die Japaner und Franzosen hatte vermutlich etwa 2,5 Millionen Vietnamesen das Leben gekostet. Wie viele weitere Opfer der Bürgerkrieg und der Krieg mit den USA forderten, ist nicht genau bekannt. Schätzungen reichen von 3,5 Millionen (davon zwei Millionen Zivilisten) bis zu fünf Millionen (davon vier Millionen Zivilisten) Menschen auf Seiten aller beteiligten Nationen. Nach dem Ende der Kampfhandlungen lag Vietnam zu weiten Teilen in Schutt und Asche, die Spuren der Zerstörung sind inzwischen verwischt. Noch heute wirkt dagegen die schwere Traumatisierung der Bevölkerung nach. Ein Erbe des Krieges sind Missbildungen bei zahlreichen Neugeborenen, die auf das Dioxin im Agent Orange zurückzuführen sind. In manchen Familien treten die Defekte auch in jüngeren Generationen erneut auf.