Vietnam: Offene Märkte, verschlossene Führung

In den vergangenen Jahren schien die Kommunistische Partei Vietnams (KPV) nach den 1986 begonnenen Wirtschaftsreformen auch politische Reformen zu erwägen, wenn die KPV Demokratiebestrebungen auch weiterhin wie gewohnt unterdrückt. Wohlwollend registrierten Beobachter aber, dass jüngere Funktionäre an die Parteispitze getreten sind, die wie Ministerpräsident Nguyen Tan Dung dynamisch auftreten, sich offener geben, den Medienkontakt nicht scheuen und Vietnam eindrucksvoll im Ausland repräsentieren.

Die Mühlen des Wandels mahlen wie oft in autoritären Regimen auch in Vietnam sehr langsam. Für Außenstehende ist schwer einzuschätzen, welche Reformen hinter den Kulissen vor sich hin köcheln. Zum einen lässt sich die verschlossene KPV kaum in die Karten sehen. Zum anderen können Außenseiter schlecht nachvollziehen, wie das Zusammenspiel der staatlichen Organe überhaupt funktioniert. Fest steht vor allem das schleppende Reformtempo. Aber angeblich zählt der Umbau des behäbigen Verwaltungsapparates zu den wichtigsten Reformvorhaben.

Die Euphorie der ersten Wirtschaftswunderjahre ist bei vielen Vietnamesen einer Ernüchterung gewichen, denn der Aufschwung hat zahlreiche Menschen zurückgelassen. Sie fürchten oder erleben den sozialen Abstieg und es deuten sich bereits Spannungen an, die bislang nicht durch ein hinreichendes soziales Sicherungssystem abgefedert werden. Von der KPV erwarten die Vietnamesen strikte Lösungen für die wachsenden Probleme. Deswegen kann eine Wirtschaftskrise, die plötzlich geschlossene Werkstore in Vietnams Fabriken nach sich zieht, auch zur politischen Bewährungsprobe werden.