Nicaragua

Die anhaltende wirtschaftliche Isolation sowie die Verteidigung gegen die marodierenden Contra-Gruppen zermürbten die notleidende Bevölkerung Nicaraguas. Vermutlich waren die andauernden Entbehrungen der Hauptgrund, weswegen das Volk bei den Wahlen 1990 der Nationalen Oppositionspartei UNO den Vorzug gab gegenüber der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (FSLN) und damit den ehemaligen Freiheitskämpfern. Die USA hatte auf den Machtwechsel hingewirkt, indem sie das UNO-Parteienbündnis um die Präsidentschaftskandidatin Violeta Chamorro finanziell unterstützte. Den anschließend nach zähen Verhandlungen geschlossenen Waffenstillstand mit den Contras „bezahlte“ die Regierung mit einem Amnestiegesetz für politische Straftäter. Unter Chamorro und ihrem Nachfolger Arnoldo Alemán Lacayo von der Alianza Liberal wurden die neoliberalen wirtschaftspolitischen Auflagen des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Weltbank genau befolgt. So wurden schützende Handelsschranken und Sozialleistungen abgebaut. Die rapide Marktöffnung wirkte sich verheerend auf die gebeutelte und nicht konkurrenzfähige Volkswirtschaft aus: Nicaragua wurde mit billigen Waren überschwemmt während sich in den Produktionsstätten kaum noch ein Rädchen drehte. Viele Menschen verarmten dadurch völlig. Enttäuscht von der Politik der anderen Parteien wurde die FSLN wiedergewählt, wobei sich Daniel Ortega die Kandidatur nicht nehmen ließ. Ortega war schon einmal zwischen 1985 und 1990 Präsident, aber längst nicht alle Sandinisten standen noch hinter ihm. Zu befremdlich erschien ihnen seine zur Schau gestellte Nähe zur katholischen Kirche. Heute hat Nicaragua auf Vorschlag von Kirchenvertretern hin eines der härtesten Abtreibungsgesetze der Welt: Selbst im Fall eines medizinisch notwendigen Schwangerschaftsabbruchs – wenn zum Beispiel andernfalls das Leben der werdenden Mutter bedroht ist – kann die Frau dafür mit bis zu acht Jahren Haft bestraft werden. Das gleiche gilt für Vergewaltigungsopfer. Ärzte, denen die Durchführung einer Abtreibung nachgewiesen werden kann, dürfen mit dem Entzug ihrer Lizenz und bis zu sechs Jahren Gefängnis rechnen. Wegen des unmenschlichen Gesetzes sind bereits Dutzende Nicaraguanerinnen zusammen mit ihren ungeborenen Kindern gestorben.