Gewalt

Laut den Vereinten Nationen ist die Mordrate in Honduras, El Salvador und Guatemala deutlich höher als im lateinamerikanischen Durchschnitt. In El Salvador ist die Kriminalität so hoch wie fast nirgendwo sonst auf der Welt: An jedem Tag werden dort durchschnittlich zehn Menschen ermordet bei einer Einwohnerzahl von gerade einmal etwas mehr als sieben Millionen. Auch Guatemala nimmt einen unrühmlichen Spitzenplatz in der Kriminalitätsstatistik ein. In dem knapp 13-Millionenstaat wurden 2007 16 Menschen täglich ermordet, hinzu kamen zahlreiche Vermisste.

Auch bei Delikten wie Straßenraub mit der Aussicht auf geringe Beute, ist in den ärmeren Ländern Lateinamerikas die Hemmschwelle zu äußerster Brutalität niedrig. Vergewaltigungen, Diebstähle, Lösegeld-Entführungen und Schutzgelderpressung sind an der Tagesordnung. In den Ländern herrscht ein Kreislauf der Gewalt, die nicht nur von der Straße kommt. Ordnungshüter von Polizei und Militär verletzen regelmäßig Menschenrechte: Sie lassen Menschen „verschwinden“, erzwingen Geständnisse durch Folter oder verhaften willkürlich. Hinzu kommt die verbreitete Korruption wegen schlechter Bezahlung. Die Bestrafung durch ein Gericht brauchen weder sie noch Kriminelle kaum zu fürchten. Die in Lateinamerika weit verbreitete Straflosigkeit lässt Bürger, denen Unrecht geschehen ist, ohnmächtig zurück. So blieben von den 2007 in Guatemala mehr als 5.700 Mordfällen 98 Prozent ungestraft, so dass Bürger oft zu Selbstjustiz greifen.

Die verbreitete Gewalt hängt unter anderem mit zum Beispiel in Guatemala erst seit kurzer Zeit ausgestandenen Bürgerkriegen zusammen, in denen Unmengen an Waffen in Umlauf gebracht und die Gesellschaft insgesamt stark militarisiert wurde. Im Frieden stellten gerade viele fest, dass sie nichts anderes außer das Morden gelernt hatten. Experten geben auch der neoliberalen Wirtschaftspolitik Schuld an den Gewaltexzessen, weil sie die soziale Ungleichheit und Ausgrenzung noch verstärkte. Ganze Grenzgebiete oder Grenzstädte werden vom organisierten Verbrechen kontrolliert. Die fehlende Sicherheit und der mangelhafte Schutz durch Polizei und Justiz lassen Investoren davor zurückschrecken, Unternehmen zu gründen oder zu kaufen. Der Volkswirtschaft schaden außerdem die hohen Ausgaben für private Sicherheitsdienste, Geld, das für sinnvollere Investitionen fehlt. Allein in Guatemala arbeiten etwa 180.000 Personen im privaten Wach- und Personenschutz.

Gewalt gegen Frauen
Ein großer Teil der Gewalt spielt sich hinter verschlossenen Türen ab: Häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder ist dort weit verbreitet. Ein Grundproblem ist dabei der lateinamerikanische Machismo, durch den Frauen abgewertet werden. Gewalt und sexueller Missbrauch sind die schlimmeren Äußerungen eines allgegenwärtigen Sexismus. Und dass Ehemänner, Väter, Chefs oder Vorarbeiter Frauen schlagen und prügeln, gilt weitgehend als legitime „Privatangelegenheit“, für die vom Gesetz keine Strafe vorgesehen ist. Ein besonders perfides Phänomen in Lateinamerika ist der Mord an Frauen. Frauen sterben dort so häufig durch von Männerhand grausam ausgeführte Tötungen, dass das Delikt mit einem eigenen Wort benannt wird: Feminicidio. Es beschreibt einen Mord, dessen einziges Motiv der Fakt ist, dass das Opfer weiblich ist. Die Taten sind geprägt von Verachtung, Vergnügen oder Besitzansprüchen. Besonders häufig werden relativ junge Frauen zwischen 25 und 34 Opfer eines Feminizids. Wenn die Fortschritte zum besseren institutionellen Schutz der Frauen in Lateinamerika auch schleppend voran gehen, gab zumindest das Europäische Parlament eine Resolution heraus, die fordert, dass die Frauenmorde stärker bekämpft werden.

Maras
In San Salvador und Umgebung sollen nach Polizeischätzung 20.000 Jugendliche Mitglieder gewalttätiger Banden, der so genannten Maras, sein. Die Köpfe der hierarchisch aufgebauten Maras sammelten Gangerfahrungen in Los Angeles, bevor sie aus den Vereinigten Staaten ausgewiesen wurden und nach ihrer Rückkehr nach El Salvador Rückhalt in Jugendbanden suchten. Sie formten die zuvor vergleichsweise harmlosen Gruppen zu straff organisierten Gangs um und wurden deren Anführer. Auf Jugendliche, die meist völlig ohne Aussicht auf Arbeit oder eine andere Perspektive sind, üben die mafiaartigen Maras, die die Bevölkerung in Angst und Schrecken versetzen, eine große Anziehungskraft aus. Die Insignien der Gruppenzugehörigkeit sind Tätowierungen mit dem Gangschriftzug. Auch durch die Sprache – eine Mischung aus Englisch und Spanisch – grenzen sich die Bandenmitglieder vom Rest der Gesellschaft ab. Besonderen Zulauf haben die beiden größten Gangs, die „Mara Salvatrucha“ und die „Mara 18“, die in El Salvador, Honduras, Guatemala und Nicaragua aktiv sind. Seit 2004 werden die jungen Straftäter härter verfolgt, wodurch aber Jugendliche, die zum Beispiel lediglich ein Tattoo besitzen, unter Generalverdacht stehen.