Mit kleinen Summen Leben verändern

Unter dem Motto "Kleine Kredite mit großer Wirkung" diskutierten mehr als 700 Teilnehmer aus mehr als 50 Ländern über die Möglichkeiten, mit Mikrokrediten die Entwicklung in armen Ländern zu fördern.

"Kleine Kredite mit großer Wirkung" lautete das Motto einer Veranstaltung im ehemaligen Bundestag in Bonn, zu der die Ökumenische Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit am 10. Juni eingeladen hatte. Die rund 700 Teilnehmer aus mehr als 50 Ländern diskutierten über die Möglichkeiten, mit Mikrokrediten die Entwicklung in armen Ländern zu fördern. Die Kleinstdarlehen, meist zwischen 50 und 500 Euro, haben es Millionen Menschen ermöglicht, sich eine berufliche Existenz aufzubauen. Etwa 500 Millionen Arme hoffen auf diese Chance.

"Mikrokredite und Mikrofinanzinstitutionen sind eine Revolution im Bankwesen: Die normalen Banken geben den Reichen Kredit, die MFI den Armen. Die Banken geben Männern Kredite, die MFI bevorzugen Frauen. Die Banken verlangen Sicherheiten, die MFI verzichten darauf. Die Banken fordern viel bürokratischen Aufwand, die MFI gewähren ′analphabetenfreundliche′ Kredite", meinte Sam Daley-Harris, Direktor der Microcredit Summit Campaign, die sich zum Ziel gesetzt hat, dass bis zum Jahr 2005 hundert Millionen der weltweit ärmsten Familien Zugang zu Mikrokrediten erhalten.

Bei dem Symposium waren neben Mikrofinanzfachleuten und -anbietern zahlreiche entwicklungspolitische und kirchliche Institutionen und Organisationen vertreten. Die Redebeiträge am Vormittag beschäftigten sich vor allem mit der globalen Bedeutung von Mikrokrediten und mit der Frage, wie Regierungen und Zivilgesellschaft Kleinstkreditprogramme und die daran beteiligten Menschen besser unterstützen können. Am Nachmittag beschäftigten sich die Symposiumsteilnehmer in acht Foren mit unterschiedlichen Fragestellungen. Dabei ging es um die Situation von Mikrokreditprogrammen in verschiedenen Regionen und um spezielle inhaltliche Aspekte, zum Beispiel "Soziale Auswirkungen von Kleinstkrediten". Immer wieder wurde dabei betont, dass nachhaltige Erfolge nur möglich sind, wenn die Kreditkundschaft außer Darlehen auch Fortbildungen und betriebswirtschaftliche Beratung erhält.

"Kredite sind das beste, was man armen Menschen bieten kann"
Dass Mikrokredite tatsächlich ein Leben verändern können, machte auf eindrückliche Weise die Rede von Irene Castro Quilca deutlich. Die 51-jährige Peruanerin ist Kleinbäuerin und Mutter von vier Kindern. Ganz gelassen wirkte die kleine Frau, als sie im großen Plenarsaal vor Hunderten von Menschen sprach: "Früher wusste ich manchmal nicht, wovon die Familie bis zur nächsten Ernte leben sollte. Dann bekam ich einen Kredit über umgerechnet 250 Euro. Davon konnte ich ein größeres Stück Land kaufen und bewirtschaften, und ich konnte an verschiedenen Fortbildungen teilnehmen. Das ist wichtig für die, die wie ich nie in einer Schule gewesen sind." Nach der Rückzahlung des ersten Kredits konnte Irene Castro Qilca größere Darlehen bekommen, die sie auch benutzte, um für ihre Kinder Einkommensmöglichkeiten zu schaffen.

Kredite gab es in Irenes Heimatregion früher nur für Männer, dann verschwanden die Agrarbanken. Mikrofinanzbanken sind in den ländlichen Gebieten jetzt die einzige Möglichkeit, um einen Kredit zu bekommen. Nach Irene Castro Quilcas Meinung sind Darlehen "das beste, was man armen Menschen bieten kann. Deshalb beruhigt es mich sehr, dass bei diesem Symposium wichtige Persönlichkeiten sind, die um die Notwendigkeit von Mikrokrediten wissen. Ich bin hier als Fürsprecherin ganz vieler Frauen und ich sage: Danke."

"Kommerzielle Ziele und Entwicklungsziele können zusammengehen"
Veranstalter des Symposiums war die Ökumenische Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit. Sie ist mit rund 70 Millionen Euro einer der größten privaten Kapitalgeber im Mikrofinanzbereich und feiert dieses Jahr ihr 30-jähriges Bestehen. "Wir haben schon Mikrokredite finanziert, als dieses Wort noch nicht existierte", so Tor Gull, Geschäftsführer von Oikocredit International. "Damals meinten viele, dass arme Menschen nicht in der Lage seien, Kredite zurückzuzahlen. Das stimmt nicht. Im Gegenteil: Unserer Erfahrung nach arbeiten gerade die Mikrofinanzinstitutionen besonders erfolgreich, die Kredite an die Allerärmsten vergeben". Oikocredit finanziert die Kredite an Partnerunternehmen in 35 Ländern durch die Geldanlagen der Genossenschaftsmitglieder. Weltweit sind dies rund 23.000, darunter über 11.000 deutsche: Einzelpersonen, kirchliche und andere Organisationen.

Erich Stather, Staatssekretär im Bundesentwicklungsministerium, würdigte Oikocredit als wichtigen Partner der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit und als Vorbild für Fonds im Bereich Nachhaltiges Investment: "Bei der Arbeit von Oikocredit geht es nicht um Spenden, nicht um Almosen für die Armen, sondern um Kredite zu fairen Bedingungen. Als einer der größten ethischen Fonds in Europa zeigt Oikocredit, dass kommerzielle Ziele und Entwicklungsziele zusammengehen können."

Kontakt
Oikocredit Westdeutscher Förderkreis
Adenauerallee 37
53113 Bonn
Tel.: 0228/92 597-38/39
E-Mail: oikocredit.bonn@t-online.de
Internet: www.oikocredit.org