Stichwort: Grameen-Bank

Im Jahr 1983 zog der Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus die Konsequenz aus einer einleuchtenden These: Er war sich sicher, dass arme Menschen sich selbst Arbeit und Einkommen schaffen könnten, wenn sie das Kapital für den Beginn eines eigenen Handwerks oder Geschäfts hätten. Für die Anschaffung von Ausgangsmaterialien wie beispielsweise einer Ziege, einer Nähmaschine oder eines Mobiltelefons ist nicht viel Geld nötig - zu viel jedoch für die meisten Menschen in Bangladesch. Weil reguläre Banken weder so kleine Summen verleihen noch Menschen Kredite geben, die nichts an Sicherheiten vorzuweisen haben, gründete Yunus die genossenschaftlich organisierte „Grameen Bank“, als so genannte Mikrokredit-Bank.

Grameen-Bank bedeutet auf Bengali in etwa „dörfliche Bank“. Ziel ist es, die Abhängigkeit der Menschen, die ein Geschäft betreiben wollen, von Rohstofflieferanten und Wucherern zu durchbrechen und ihnen das Startkapital für ein gewinnbringendes Unternehmen zu verschaffen. Dabei vergibt die Bank ihre Kredite fast ausschließlich an Frauen, weil diese erfahrungsgemäß umsichtiger und für die Gemeinschaft gewinnbringender wirtschaften als Männer. Sie setzen ihren wirtschaftlichen Erfolg zudem vor allem dazu ein, die Lebens- und Bildungssituation ihrer Kinder zu verbessern und tragen so zu einem gesamtgesellschaftlichen Wandel bei. Die Auflagen, die die Kreditnehmerinnen dafür zu erfüllen haben, sind streng: Auf das verliehene Geld werden 20 % Zinsen erhoben, Kredit erhält nur, wer persönliche Bürgen hat. Dafür sind die Kreditnehmer verpflichtet, sich in ihren Dörfern zu kleinen Gruppen zusammenzuschließen, deren Mitglieder füreinander einstehen: Erst wenn die ersten beiden Mitglieder der Gruppe ihre Kredite zurückgezahlt haben, können auch die anderen einen beantragen – persönliche Bindung und Gemeinschaftssinn werden so zur Motivation, die Raten zu bedienen. Wer einen Grameen-Kredit will, muss sich außerdem verpflichten, ein eigenes Sparkonto einzurichten und dieses regelmäßig zu bedienen sowie darüber hinaus einige Lebensentscheidungen zu fällen und umzusetzen. Dazu gehört unter anderem, mehr Obst und Gemüse anzubauen und zu essen, die Kinder zur Schule zu schicken, sich für die Gemeinschaft zu engagieren, Wasser vor dem Trinken abzukochen und Familienplanung zu betreiben. Regelmäßig besuchen Mitarbeiter der Bank die Kredit-Gruppen in den Dörfern, um die Raten einzusammeln, die Bücher zu überprüfen und Schulungen zur Umsetzung der Lebensentscheidungen durchzuführen.

Nach Eigenangaben der Bank waren im Oktober 2007 mehr als 32 Mio. (97 %) der insgesamt 34 Mio Kreditnehmer Frauen in 70 % der Dörfer Bangladeschs. Bis dahin hatte die Grameen-Bank 6,55 Milliarden Dollar verliehen und 98 % davon zurückerhalten. Sechs Prozent der genossenschaftlichen Bank sind in Staatsbesitz, der Rest gehört ihren Kunden. Die Gewinne werden an alle Eigentümer ausgeschüttet – auch an jene, deren Kredit noch nicht zurückgezahlt ist. Das Konzept der Mikrokredit-Vergabe wird heute in über 60 Entwicklungsländern angewendet. Im Jahr 2006 erhielt der Gründer der Grameen-Bank den Friedensnobel-Preis.

Kritiker werfen dem Grameen-System vor, dass es nicht geeignet sei, die traditionellen Rollenbilder zu entschärfen. Auch Missbrauch des Kreditsystems – häufig durch die Ehemänner der Kreditnehmerinnen – käme immer wieder vor. Einige Kritiker bemängeln außerdem, dass die Arbeitsweise der Grameen-Bank eher einer „Kapitalisierung der Armut“ denn ihrer Überwindung diene. Tatsächlich engagieren sich inzwischen Banken in der Mikro-Kreditvergabe, die, wie beispielsweise Morgan Stanley oder Credit Suisse, keineswegs idealistisch sondern konventionell gewinnorientiert motiviert sind. Auch bei Ihnen aber erhalten Menschen ohne Sicherheiten Kleinstkredite zu ähnlichen Bedingungen wie bei der Grameen-Bank und werden so in die Lage versetzt, ihr eigenes Geschäft zu betreiben. Die Grameen-Bank ist übrigens inzwischen auch in den USA aktiv: Auch dort vergibt sie Mikrokredite, auch dort überwiegend an Frauen, auch dort sind Nachfrage und Rückzahlungsquote hoch und auch dort verpflichten sich die Schuldnerinnen unter anderem dazu, ein Sparbuch einzurichten und dieses regelmäßig mit zwei Dollar pro Woche zu bedienen.