Stichwort: Kinderarbeit

Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO, International Labour Organisation) arbeiten in Verstoß gegen die entsprechenden internationalen Übereinkommen weltweit über 200 Millionen Kinder. Mehr als die Hälfte von ihnen ist nach ILO-Schätzungen in Sektoren beschäftigt, in denen die Gefahr für dauerhafte Schäden an Gesundheit und Seele besonders hoch ist. Zwar hat Indien die ILO-Konventionen „zum Mindestalter für die kommerzielle Beschäftigung von Kindern“ (ILO-Konvention 138) und über „das Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit“ (ILO-Konvention Nr. 182) nicht anerkannt. Der südasiatische Riese gehört jedoch zu den Unterzeichnern der UN-Kinderrechtskonvention und hat darüber hinaus eine Reihe gesetzlicher Vorschriften, die die Ausbeutung von Kindern verbieten. So sind etwa auch nach indischem Recht Schuldknechtschaft und der Einsatz von Kindern in Minen, Steinbrüchen und anderen gefährlichen Orten und für gefährliche Tätigkeiten bei Strafe untersagt. Doch diese Regelungen werden kaum durchgesetzt, nur selten kommt es zu Verurteilungen.

Armut und Analphabetentum sind zwei wesentliche Ursachen dafür, dass allein in Indien Millionen Kinder arbeiten. Sie übernehmen entweder unverzichtbare Aufgaben in der Heimarbeit oder der Landwirtschaft oder sind außerhalb ihrer Elternhäuser gegen Bezahlung beschäftigt. Neben den körperlichen und oft auch seelischen Strapazen bedeutet das vor allem auch, dass sie nicht zur Schule gehen können. So regeneriert sich die Armut selbst: Bleiben die Kinder ungebildet, haben sie deutlich geringere Möglichkeiten, selbst der Armut zu entkommen und werden wahrscheinlich auch ihre Kinder arbeiten lassen müssen.

Dass auch heute noch Millionen Inder in Schuldknechtschaft leben, ist ebenfalls direkt auf Armut und Analphabetentum – in Verbindung mit dem rigiden Kastensystem - zurückzuführen. Die Nichtregierungsorganisation Human Rights Watch schätzte im Jahr 2003, dass 15 Millionen davon Kinder seien. Sie arbeiten die Schulden ihrer Eltern ab, die aus Mangel an Alternativen bei ausbeuterischen Geldverleihern einen Kredit aufnahmen, dessen Betrag und Zinsen sie nicht selbst abbezahlen können. Häufig haben die so ausgebeuteten (Erwachsenen und Kinder) keine Möglichkeit, den Betrag jemals abgearbeitet zu haben. Angehörige der beiden am wenigsten geachteten Bevölkerungsgruppen – Dalits und Adivasi – sind unter diesen „modernen Sklaven“ weit überrepräsentiert.

Eine der Branchen, in denen auch in Indien immer wieder Kinderarbeit festgestellt wird ist, die Herstellung von Natursteinen. Indien verfügt über große Vorkommen von Granit, Marmor und Sandstein und ist heute der drittgrößte Naturstein-Exporteur der Welt. Kein anderes Land der Welt exportiert mehr Granit. Überwiegend werden unbehandelte Steinblöcke in alle Welt verschifft, doch der Anteil der verarbeiteten Steine, die als Grabsteine, Stufen, Säulen und ähnliches auf den Weg gebracht werden, steigt seit Jahren kontinuierlich an. Italien, China, Deutschland, Japan und die USA sind nach wie vor die wichtigsten Abnehmer. Zentren der Natursteinproduktion liegen in Nord- und Südindien. Wie viele Steinbrüche es gibt ist bislang ebenso ungewiss, wie die Zahl der dort Beschäftigten Arbeiter und ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen. Stichprobenerhebungen geben jedoch einen Hinweis auf große Probleme: Kinderarbeit (Schätzungen gehen von einem Anteil von 15 % unter den in Steinbrüchen aus), Schuldknechtschaft, Wanderarbeiter, Abhängigkeit von der Willkür der Steinbruchinhaber, mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und Gesundheitsversorgung, unhygienische Zustände und niedrigste Löhne vor allem für Frauen und Kinder sind nur einige Stichworte, um die massiven arbeitsrechtlichen und sozialen Missstände – nicht nur für Kinder - umreißen. Inzwischen wächst auch hierzulande das Bewusstsein für die Bedingungen, unter denen die nach Deutschland und Europa eingeführten Steine hergestellt wurden. Engagieren sich Hilfsorganisationen für den Schutz der Beschäftigten und Schulunterricht für die Kinderarbeiter, so setzt sich die Initiative „Fair Stone win=win“ für die Einhaltung verbindlicher Sozialstandards in der Natursteinproduktion ein und vergibt das Fair-Stone-Siegel.