Indien und Pakistan: Der Kaschmir-Konflikt

Erst seit 1947 verlaufen Indiens Grenzen so, wie wir sie kennen. Als die britische Ostindien-Kompanie zu Beginn des 17. Jahrhunderts erste Handelsniederlassungen in Madras, Kalkutta und Bombay gründete, erstreckte sich das damalige Mogulkaiserreich über den gesamten Subkontinent und umfasste auch die Gebiete des heutigen Pakistans, Bangladeschs, Myanmars sowie einen Teil des heutigen Afghanistans. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die britische Ostindien-Kompanie die Handelsniederlassungen der Portugiesen und Holländer übernommen und weite Teile Indiens unter britischen Einfluss gestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt agierte die Ostindien-Kompanie weitestgehend unabhängig von Großbritanniens Regierung: Seit Gründung der Ostindien-Kompanie hatten verschiedene englische Könige den in ihr zusammengeschlossenen Kaufleuten nach und nach das Recht verliehen, sämtlichen Handel mit Indien abzuwickeln, die Verwaltung und Gerichtsbarkeit vor Ort zu organisieren, sowie die Gesetze dazu selbst zu erlassen. Im Gegenzug ging ein Teil der Gewinne an Großbritannien. Nach Aufständen gegen die Herrschaft der britischen Ostindien-Kompanie wurde schließlich 1858 die britische Königin zur Kaiserin von Indien erklärt, so dass Indien nun von Großbritannien aus regiert wurde. Mit dem Ende des 19. Jahrhunderts gewann auch die Unabhängigkeitsbewegung in Indien mehr an Stärke und als Großbritannien, geschwächt vom ersten Weltkrieg, im Jahr 1935 Indien die innere Selbstverwaltung gewährte, war die Unabhängigkeit nicht mehr aufzuhalten.

Das Zusammenleben zwischen Moslems und Hindus zu organisieren, war immer schwierig gewesen, ganz besonders im Norden Indiens, wo viele Angehörige beider Religionen lebten. Als Indien am 15. August 1947 seine Unabhängigkeit von Großbritannien erklärte, wurde es daher auf Druck der muslimischen Bevölkerung geteilt: Neben dem überwiegend hinduistischen Indien sollte fortan auf dem Gebiet des Nordwestens Indiens und Ost-Bengalens ein muslimischer Staat bestehen: Pakistan. Infolge dieser Teilung mussten Tausende Menschen ihre Heimat verlassen: Aus dem hinduistischen Indien wurden Moslems nach Pakistan vertrieben, Hindus im neu gegründeten Pakistan wurden gezwungen, nach Indien zu gehen. Gewalt war das verbindende Kennzeichen dieses so genannten „Bevölkerungstauschs“, der keine Ruhe in die Region brachte. Bis heute kommt es immer wieder zu heftigen gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslimen.

Konfliktstoff bot auch die Region Kaschmir. Im Zuge der Unabhängigkeit erhoben sowohl Pakistan als auch Indien Ansprüche auf das damalige Fürstentum Jammu und Kaschmir, das zwischen dem westlichen Himalaya und dem Pir Panjal Gebirge ganz im Norden Indiens liegt. Aus Sicht Pakistans, das ausdrücklich als muslimischer Staat gegründet worden war, sollte Kaschmir selbstverständlich seinem Gebiet zugeschlagen werden. Auch Indien erhob jedoch Ansprüche, der Fürst von Kaschmir wollte dagegen seinen Staat unabhängig halten und trat daher weder dem einen noch dem anderen jungen Staat bei. Als im Oktober 1947 im westlichen Teil des Fürstentums eine, von pakistanischer Seite unterstützte, Stammesrevolte ausbrach, bat der Fürst von Kaschmir Indien um militärische Hilfe. Indien gewährte diese Hilfe, ließ sich dafür aber zusichern, dass Kaschmir Indien beitreten würde. In der Folge standen sich in Kaschmir indische Truppen und pakistanische Rebellen in einem Kampf gegenüber an dessen Ende das Fürstentum in einen pakistanisch und einen indisch kontrollierten Teil (den Bundesstaat Jammu und Kaschmir) aufgeteilt wurde. Doch Frieden kehrte damit nicht ein.

Im Jahr 1965 standen sich die Truppen Pakistans und Indiens erneut gegenüber, um den Kaschmir-Konflikt militärisch zu lösen. Unter Vermittlung der UN wurden die Waffen schließlich niedergelegt. Bis 1971, als es in Ost-Pakistan, das durch Nordindien vom so genannten Westpakistan getrennt war, zum Aufstand kam.

Ostpakistan war nicht nur räumlich sehr weit von Westpakistan getrennt sondern auch historisch, politisch, wirtschaftlich und nicht zuletzt kulturell anders strukturiert. Die Region fühlte sich durch die Regierung in Islamabad in die wirtschaftliche und politische Bedeutungslosigkeit verbannt. So entstand in Ostpakistan eine Bewegung, die die Unabhängigkeit von Westpakistan forderte, was schließlich zum Krieg zwischen West- und Ostpakistan führte. Indien unterstützte dabei die Unabhängigkeitsbestrebungen Ostpakistans und ging so erneut in Konfrontation mit Pakistan. Im Dezember 1971 endete der so genannte Bangladesch-Krieg mit der Unabhängigkeit Ostpakistans und der Gründung des Staates Bangladesch.

Seit 1989 heizten Unabhängigkeitsbewegungen den Konflikt in der Region Kaschmir weiter an: Pakistan unterstützte die zunehmend radikaleren islamistischen Gruppierungen, Indien versuchte, sie mit militärischer Gewalt niederzuschlagen. Als 1999 bewaffnete pakistanische Truppen in indisch kontrolliertes Gebiet in Kaschmir eindrangen, kam es erneut zu Kampfhandlungen. Infolge eines Anschlags auf das indische Parlament im Jahr 2001 ließ Indien noch einmal für mehrere Monate seine Truppen an der Grenze zu Pakistan aufmarschieren, bevor sich die verfeindeten Nachbarn schließlich zunächst geheim und seit 2004 offen am Verhandlungstisch zu einigen suchten. Zwar ist seitdem der Ton zwischen Pakistan und Indien gemäßigter, der eigentliche Konflikt um die Region Kaschmir ist jedoch nach wie vor ungelöst.