Luxusgut für Arme
Für uns ist das frische Nass aus dem Wasserhahn so selbstverständlich wie der Strom aus der Steckdose. Schwer vorstellbar, was es bedeuten würde, täglich Wasserportionen unter großer Mühe oder für viel Geld herbeizuschaffen oder keine Alternative zu krankmachendem Trinkwasser zu haben. Der Zugang zu sauberem Trinkwasser ist – vorsichtig geschätzt – etwa 1,1 Milliarden Menschen versperrt. Die für Gesundheit und Würde wichtige grundlegende Sanitärversorgung fehlt 2,6 Milliarden Menschen. Zweierlei verbindet das Heer der Unterversorgten, von denen viele im Nahen Osten, in Afrika oder Westasien leben: Erstens sind sie sehr arm und müssen mit weniger als einem oder zwei Dollar täglich auskommen und zweitens wird ihr Schicksal von vielen Regierungen einfach hingenommen. Typischerweise leben sie in Dörfern ohne Brunnen und zunehmend in den Slums riesiger Metropolen. Die Wasserkrise beeinträchtig ihr Leben massiv: Verkeimtes Wasser und eine verhinderte Grundhygiene machen krank und Kleinbauern fehlt in trockenen Zeiten kostbares Nass.
Viele dieser Menschen sind gezwungen, Gewässer jeder Art für ihre Bedürfnisse zu nutzen, auch wenn diese mit Fäkalien verunreinigt sind. Ihre Notdurft verrichten sie in Felder, Gräben, Eimern oder Plastiktüten. Etwa 80 Prozent aller Krankheiten in Entwicklungsländern gehen auf den Verzehr oder Umgang mit verunreinigtem Wasser zurück, am häufigsten sind Durchfall und Ruhr. Jährlich sterben mindestens 1,5 Millionen Kinder, weil sie kein sauberes Wasser und keine ausreichende Sanitärversorgung haben. Zudem verpassen Kinder, die ständig unter Durchfall leiden, zu viel Schulunterricht und damit ihre meist einzige Chance auf ein besseres Leben. Mädchen bleibt die Schulbildung aus noch einem Grund versagt, der mit dem mangelnder Wasserversorgung zu tun hat: Es ist Frauensache, viele Stunden am Tag Wasser heranzuschaffen – fürs Lernen bleibt da keine Zeit.
Eigentlich ist auf der Erde genug Süßwasser für jeden vorhanden. Die Unterversorgung liegt weniger an fehlenden Wasserreserven als an der schlechten Verteilung von Trinkwasser, der zu langsamen Erschließung neuer Quellen und am Raubbau an den Ressourcen. Besonders in China, Indien und Afrika südlich der Sahara nimmt die Knappheit ständig zu. Um zu verstehen, was sauberes Wasser und eine verbesserte Hygiene für den Fortschritt unterentwickelter Regionen bedeuten können, genügt ein Blick in den geschichtlichen Rückspiegel: Metropolen wie Paris oder New York waren Brutstätten für ansteckende Krankheiten, die Kindersterblichkeit war sehr hoch. Nicht der nach der Industrialisierung steigende Wohlstand wirkte unmittelbar lebensverlängernd. Erst die Reformierung der Wasser- und Sanitärversorgung erhöhte damals die Lebenserwartung.








