Was ist virtuelles Wasser?
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Foto: © Paul Georg Meister / PIXELIO
Als virtuelles Wasser wird das gesamte Süßwasser bezeichnet, das bei der Herstellung einer Ware eingesetzt wurde. Der Begriff ist nicht neu: Bereits Anfang der 90er Jahre wurde er von Tony Allan, Professor am King’s College London, geprägt. Der breiteren Masse blieb die Bedeutung des Konzepts aber zunächst verschlossen, es war so abstrakt, dass vor allem Fachleute seine Relevanz erkannten. Dank der Sisyphos-Arbeit einiger Wissenschaftler vom Unesco Institute for Water Education (Unesco-IHE) konnte virtuelles Wasser endlich Schlagzeilen machen: Sie erstellten eine umfangreiche Datensammlung mit der sich veranschaulichen lässt, wie extrem das Verhältnis von einem Produkt zum für seine Herstellung verbrauchten Menge Süßwasser sein kann.
Nach der morgendlichen Dusche beginnt bei den meisten der massige Wasserverbrauch: Um eine Tasse Kaffee zu erzeugen, sind etwa 140 Liter Wasser nötig – vor allem beim Anbau der dafür nötigen Menge Kaffeebohnen. Unter allen Lebensmitteln nimmt Fleisch aber auch beim Wasserverbrauch einen Spitzenplatz ein. Dabei ist die Rindfleischproduktion besonders strapazierend für die Wasserressourcen: Für ein Kilogramm Steak sind durchschnittlich 14.000 Liter Wasser nötig, mit dem das Rind getränkt wurde und mit dem sein Futter herangewachsen ist. Die Steaknation USA verteidigt beim Fleischverbrauch den Spitzenplatz mit in 2008 fast 99 Kilo pro Kopf. Würde jeder Mensch so viel Fleisch essen wie ein typischer Nordamerikaner, würde die weltweite Nahrungsmittelproduktion etwa 75 Prozent mehr Wasser brauchen. Der Fingerzeig auf die US-Amerikaner soll nicht davon ablenken, dass auch hierzulande sehr viel Fleisch gegessen wird: Mit rund 60 Kilo, die sich statistisch jeder Deutsche 2008 schmecken ließ, essen wir mehr Fleisch als die meisten Europäer.
Da das Süßwasser auf der Erde sehr unterschiedlich verteilt ist, muss der indirekte Wasserverbrauch eines Produkts im Zusammenhang mit dem so genannten Wasserstress einer Region gesehen werden. Zum Beispiel ist der Wasserbedarf einer Tomate, die im niederschlagsreichen Deutschland wächst, anders zu bewerten, als einer Tomate, die im regenarmen Südspanien gedeiht.
Wasser wird nicht nur für die Herstellung von Lebensmitteln benutzt, sein Verbrauch zieht sich durch die gesamte Konsumpalette. Zum Beispiel entsteht ein Baumwoll-T-Shirt unter Einsatz von durchschnittlich 2.000 Litern Wasser. Je nachdem, in welcher Region die Baumwolle gewachsen ist, können es aber leicht einige tausend Liter mehr sein. Beim Wasserverbrauch ist auch Papier kein unbeschriebenes Blatt: In jedem weißen DIN-A4-Bogen sind zehn Liter Wasser enthalten. Umgehen lässt sich der indirekte Wasserverbrauch von keinem Verbraucher. Sehr wohl kann man ihn aber mit einem ressourcenfreundlichen Einkauf senken.
Das Konzept vom virtuellen Wasser bietet sich an, um Wasser in den weltweiten Handelsströmen zu orten und in einer Bilanz für jedes Land zu erfassen. Trotz der verworrenen Reise von Rohstoffen, Halb-, oder Fertigerzeugnissen um die Welt lässt sich ungefähr bestimmen, welches Land oder welche Wirtschaftsgemeinschaft zugleich indirekt mit welcher Wassermenge handelt. Deutschland ist zum Beispiel trotz seines relativen Wasserreichtums ein Netto-Wasserimporteur, weil es mehr Wasser ein- als ausführt.
So gesehen wäre es vernünftig, wenn Deutschland eher wasserintensive Waren herstellen würde, die in wasserarme Länder verkauft werden. Andersherum müssten Länder mit Wasserknappheit Dinge produzieren und in Regionen wie Deutschland ausführen, die wassersparend gemacht wurden. Tomaten würden demnach aus Deutschland nach Spanien exportiert und nicht umgekehrt. Das Interessante an diesem Gedankenspiel ist, dass auf Handelswegen Wasser in Trockengebiete geschickt werden könnte, ohne einen Tropfen echtes Nass zu bewegen. Aus heutiger Sicht ist eine Umsetzung dieser Idee jedoch utopisch, insbesondere weil arme Länder, die mit den heftigsten Auswirkungen von Wasserknappheit kämpfen (werden), auf den Export landwirtschaftlicher Erzeugnisse angewiesen sind.
Professor Tony Allans Seite am King`s College London: www.kcl.ac.uk/schools/sspp/geography/people/acad/allan/research.html
Unesco Institute for Water Education: www.unesco-ihe.org








