Kritik am Ehrenamt

Ehrenamtliche verdrängen hauptberuflich Tätige, Ehrenamtliche machen es dem Staat leicht, Einschnitte ins soziale Netz vorzunehmen, weil die nicht mehr finanzierten Arbeiten unentgeltlich ausgeführt werden, Ehrenamtliche führen verstärkt Arbeiten aus, für die sie nicht  qualifiziert und bei denen sie überfordert sind – diese und weitere Kritikpunkte an ehrenamtlichen Tätigkeiten sind in jüngerer Zeit häufiger zu vernehmen.

Wie stichhaltig solche Argumente sind, muss im Einzelfall betrachtet werden. So wird ein Kämmerer oder Haushaltspolitiker bei Kürzungsmaßnahmen in öffentlichen Haushalten kaum die Begründung verwenden, die betreffenden Leistungen könnten ja auch unentgeltlich von Ehrenamtlichen eingeworben werden. Und dennoch stützt sich das öffentliche Sozialwesen stark auf ehrenamtliches Engagement – und Stellen sind massiv abgebaut worden, etwa in der Jugendarbeit.

Mit zum Teil kontraproduktiven Ergebnissen: Es gibt Untersuchungen, nach denen soziales Engagement ausgerechnet in den Regionen zurückgeht, in denen sich auch der Staat aus seiner Verantwortung zurückzieht. Soziales Bewusstsein braucht also offenbar ein gesamtgesellschaftliches Vorbild, das durch staatliche Fürsorge mitgeprägt wird.

Auch die Gefahr der Überforderung ist ein Argument, das nicht einfach von der Hand zu weisen ist. Wer sich in sozialen Zusammenhängen engagieren möchte, sollte darauf vorbereitet sein oder vorbereitet werden, mit welcher Art von Situationen man dort konfrontiert werden kann. Da kann rasch die Frage auftauchen, ob nicht Professionalität nötig ist – beim Umgang mit Demenzkranken ebenso wie bei der Hilfe für Flüchtlinge oder Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien.

Verfechter des Ehrenamts weisen auch darauf hin, dass die Entwicklung in manchen Bereichen auch umgekehrt läuft – aus ursprünglich ehrenamtlich geleisteter Tätigkeit kann mit der Zeit durch eine fortschreitende Professionalisierung feste, bezahlte Arbeit werden. Dies gilt zum Beispiel für die Aids-Hilfe, die in den 1980er Jahren zunächst auf ehrenamtlicher Basis begann, sich mit zunehmendem Bedarf und wachsender Komplexität des Problems aber professionalisierte. Ähnliches gilt für die Hospiz- und Palliativbewegung, die zunächst auf freiwilliger Basis entstand, bevor sie sich professionalisierte. So zeigt das Ehrenamt als eine Art gesellschaftliches Frühwarnsystem immer wieder Missstände auf, auf die erst mit einer gewissen Verzögerung mit Hilfe von festen Strukturen und bezahlten Fachkräften reagiert werden kann.