Klimaneutral durch Kompensation?

Unter Stichworten wie "klimaneutral" oder dem englischen "carbon-offset" hat sich ein wachsendes Geschäftsfeld entwickelt, bei dem Anbieter Kompensationsmaßnahmen für die CO2-Emission von Personen oder Unternehmen anbieten. Die Grundidee ist einfach: Für das Klima spielt es keine Rolle, wo schädliche Gase freigesetzt werden. Ausschließlich die Menge entscheidet über die verursachten Schäden. Daraus ergibt sich die Möglichkeit, unvermeidliche Treibhausgasemissionen durch Klimaschutzmaßnahmen an einem anderen Ort zu neutralisieren. Zugleich ist die CO2-Kompensation ein freiwilliges Instrument, mit dem durch die Aktivierung privaten Kapitals zusätzliche Klimaschutzerfolge, insbesondere in Entwicklungs- und Schwellenländern erzielt werden können.

Kompensationsmaßnahmen werden im Rahmen der Umsetzung des Kyoto-Protokolls umgesetzt. Dabei werden zwei projektbezogene Mechanismen unterschieden: Für die Kompensation in Ländern ohne Kyoto-Verpflichtung der Clean Development Mechanism (CDM), übersetzt "Maßnahmen zur umweltgerechten Entwicklung", für Kompensationen in Ländern mit eigener Kyoto-Verpflichtung der Joint Implementation (JI), übersetzt "gemeinsame Umsetzung". In beiden Fällen führt ein Investor in einem Gastland ein Projekt durch, das Emissionen mindert, etwa die Einführung von Solarkochern, und erhält dafür handelbare Emissionsgutschriften. Kauft ein Unternehmen ihm die Zertifikate ab und nimmt sie dauerhaft vom Markt ("Stilllegung"), kann es damit eine entsprechende Menge von ihm oder seinen Kunden verursachte CO2-Emissionen kompensieren.

Bekanntestes Beispiel für die Kompensation von Klimagasemissionen in Deutschland ist atmosfair, ein vom Forum anders reisen und der Entwicklungsorganisation Germanwatch entwickeltes Angebot zur Kompensation der durch Flugreisen freigesetzten Klimagase. Freiwillige Sonderzahlungen der Flugreisenden leitet atmosfair weiter an Klimaschutzprojekte, z. B. in Indien. Damit kann man zumindest einen Teil der klimaschädlichen Wirkungen des eigenen Urlaubs wieder ausgleichen.
Nach dem gleichen Prinzip wird in jüngste die Durchführung "klimaneutraler" Kongresse, Dienstreisen oder Sportveranstaltungen angeboten. Privathaushalte können durch freiwillige Spenden ihre durch Heizung, Auto und Stromgeräte verursachten CO2-Emissionen kompensieren lassen. Unternehmen entdecken die Kompensation zunehmend für eigene Angebote. So liefert die zur Post AG gehörende DHL ihre Pakete "klimaneutral" aus, Versandhäuser ihre Kataloge und auch Tageszeitungen werben bereits mit ihrer "Klimaneutralität".

Nicht zuletzt kann inzwischen auch Otto Normalverbraucher "klimaneutral" einkaufen. Der Einzelhandel entdeckt die Vorzüge der CO2-Kompensation sowohl als Instrument zur Verbesserung der eigenen Klimabilanz als für Marketing und Kommunikation. Im Unterschied zum Reisemarkt werden den Kunden dabei keine freiwilligen Mehrzahlungen für die Kompensation auferlegt. Vielmehr treten die Unternehmen in Vorleistung und "schenken" dem Kunden die Kompensation als zusätzlichen Mehrwert eines Produktes oder einer Dienstleistung.

Angesichts der Intensivierung der Klimaschutzdiskussion ist davon auszugehen, dass sich das Angebot "klimaneutraler" Produkte und Dienstleistung absehbar erheblich ausweiten wird. So werden inzwischen neben den o. g. Energiespargeräten auch "klimaneutrale" Zeitungen, Papiere, Blumen und Notebooks angeboten.

Mehr als Ablasshandel?
Kompensationsmaßnahmen werden häufig grundsätzlich als "Ablasshandel" kritisiert, da sie den Verursacher von Klimagasemissionen ein gutes Gewissen verleihen sollen. Unterm Strich, so die Kritik, könnten Unternehmen und Personen ihr klimaschädliches Verhalten mit dem vermeintlichen Verweis auf die Klimaneutralität beibehalten oder gar noch verstärken - etwa bei Flugreisen.

Auf der anderen Seite werden Kompensationsmöglichkeiten als Einstieg angesehen, die Klimaschädlichkeit bestimmter Aktivitäten erst ins Bewusstsein zu rufen. Sowohl in Unternehmen als auch im privaten Konsumverhalten werde die Übernahme von Verantwortung für das Klima also gefördert. Außerdem erhalte die Ressource Klima einen Marktpreis erhalte und verliere damit den Status eines allgemein vorhandenen Gutes.

Doch auch im Detail gibt es gravierende Kritikpunkte:

  • Kompensation kann nur einen Anstieg der CO2-Emission abmildern, senken kann man die Emissionsmenge mit diesem Instrument nicht.
  • Die CO2-Freisetzung bestimmter Aktivitäten häufig zu niedrig, die CO2-Reduktion von Kompensationsprojekten zu hoch angesetzt. 
  • Kontrollmechanismen greifen zu kurz und sorgen nicht für eine realistische Zuordnung der emittierten und der kompensierten CO2-Menge.
  • Es ist unklar, ob energiebedingte CO2-Emissionen durch Waldprojekte kompensiert werden können, da Aufforstungen mittelfristig fehlschlagen können und das eingebundene CO2 erneut in der Atmosphäre landet.

Kompensationsmaßnahmen müssen sich deshalb auf unvermeidbare Emissionen beschränken und dürfen nicht als Alibi für unterlassene emissionsmindernde Maßnahmen herangezogen werden. Weitere Einschränkungen ergeben sich aus den erforderlichen Qualitätskriterien und Kontrollmechanismen. Die gegeneinander verrechneten CO2-Mengen müssen ebenso unabhängig berechnet und kontrolliert werden wie Zusätzlichkeit der umgesetzten Maßnahme. Darüber hinaus muss ihre positive Klimawirkung irreversibel sein, Aufforstungen scheiden als seriöse Kompensationsprojekte daher aus.

Ungeachtet der berechtigten Kritik ist die Kompensation und das Angebot "klimaneutraler" Produkte eine innovative klimapolitische Handlungsoption für Unternehmen. Allerdings ist die Kompensation immer nur als zusätzliche freiwillige Maßnahme sinnvoll, die über die Umsetzung betriebsinterner Klimaschutzmaßnahmen hinausgeht, um die Klimabilanz außerhalb des eigenen Unternehmens zu verbessern und dies der Kundschaft zu verdeutlichen. "Klimaneutrale" Produkte sind insofern immer gleichzeitig Klimaschutz- und Kommunikationsinstrument.

Kriterien und Zeritifizierung
Weltweit werden zurzeit über 1.200 Kompensationsprojekte geplant oder bereits umgesetzt: Vom Ausbau erneuerbarer Energien über die Anwendung von Energiespartechnik und die Verringerung industrieller Treibhausgasemissionen bis hin zur Aufforstung und Waldregeneration zur CO2-Einbindung. Feste Mechanismen oder Qualitätskriterien fehlen aber oftmals.

Für JI- und CDM-Projekte im Rahmen des Kioto-Protokolls werden die Gutschriften durch die UN nur angerechnet, wenn die Emissionsreduktion zusätzlich zu den Maßnahmen stattfindet, die auch ohne das Projekt erfolgt wären. Darüber hinaus müssen die freigesetzten und vermiedenen Klimagasmengen nach einem bestimmten Verfahren quantifiziert werden und sowohl zu Anfang als auch am Ende eines Projekts bewertet werden. Ob diese Kriterien erfüllt sind, wird von UN akkreditierte Stellen überprüft, in Deutschland zum Beispiel der TÜV Süddeutschland.

Von Seiten der EU wurden die UN-Vorgaben dahingehend verschärft, dass Kompensationsmaßnahmen durch Aufforstung oder Waldschutz bei der Übernahme der im Kioto-Protokoll übernommen Reduktionspflichten grundsätzlich nicht anerkannt werden.

Unter Federführung des WWF haben verschiedene Umweltverbände den so genannten Goldstandard entwickelt, ein ökologisch und sozial besonders anspruchsvoller Kriterienkatalog für die Anerkennung von Kompensationsprojekten. Er zielt darauf ab, die der Bevölkerung im Gastland besser zu berücksichtigen, sie bei der Umsetzung zu beteiligen sowie die Umweltqualität vor Ort zu verbessern.
Auch die Anbieter freiwilliger Kompensationsprojekte lassen Ihre Projekt inklusive der erzielten Emissionsreduktionen zwar extern oder intern überprüfen. Allerdings gibt es deutliche Unterschiede in den Projektkriterien. In vielen Fällen orientieren sich die Qualitätskriterien an den unklar definierten Vorgaben für den Verified Emission Reduction (VER).

Eine wachsende Zahl von Non-Profit-Organisationen und kommerziell arbeitenden Agenturen hat die CO2-Kompensation inzwischen als neues Geschäftsfeld entdeckt. Sie berechnen die emittierten und vermiedenen CO2-Mengen und organisieren den Kauf von Emissionszertifikaten sowie deren Stillegung. Die Seriosität und Zuverlässigkeit der verschiedenen Aktivitäten variieren allerdings stark. Die Universität Boston hat 13 weltweit agierende Agenturen analysiert und nur drei davon als rundum empfehlenswert (u.a. atmosfair und MyClimate), sechs wurden eingeschränkt (u.a. Carbo Neutral Company, Climate Care) und drei nicht empfohlen.